Schneckenpost

In einer Predigt hat Pfarrer Weber Wilhelm Busch zitiert, der für seine Bildergeschichte vom «Julchen» dichtete: «Eins, zwei, drei… im Sauseschritt, läuft die Zeit, wir laufen mit». Er gäbe dem rasanten Lauf der Zeit etwas Gegensteuer, indem er eine Schneckenpost versende, schrieb er.   Psychotherapeuten, Ärzte und mitunter Pfarrer raten gestressten Menschen zwecks  Minderung des Raubbaus an Körper und Geist gerne zur sogenannten Entschleunigung. Damit ist ein Verhalten gemeint, aktiv der beruflichen und privaten Beschleunigung des Lebens entgegenzusteuern, d.h. wieder langsamer zu werden. Slow Food, Slow Travel oder Slow Sport (vgl. Slow-Up Sempachersee) sind denn auch für Manche im Trend. Die Begriffe sind neu, aber den Gedanken der Entschleunigung finden wir mehrfach bereits in der Bibel – zum Beispiel beim Propheten Jesaja, der schon vor rund 3000 Jahren mahnte: «Durch Stille und Gelassenheit würdet ihr gestärkt. Aber ihr wollt ja nicht. Ihr sagt: Nein, auf starken Rennern wollen wir reiten – auf Rossen wollen wir dahinfliegen» (Jes 30,15f).  Thematisch spricht mich Jesaja mit seinem Grundgedanken der Entschleunigung an, jedoch trifft ein Renn-Ross als Vehikel für die Fahrt oder besser gesagt für den Ritt durch das Leben auf mich nicht zu. Ich war noch selten auf einem solchen Tier, und ich kann es ergo auch nicht korrekt bedienen. Schon bei der Gangart Trab bin ich unsicher im Sattel, und spätestens beim Galopp «fliege ich dahin» (wie Jesaja dann doch auch für meinen Fall stimmig sagt).   
Aber so man zwecks Aneignung des Entschleunigungsgedankens von Jesaja weiterhin ein Tier zuhilfe nehmen will (was ich nur schon um der Fortführung dieser meiner Zeilen Willen gerne tue) muss nun ja sowieso ein langsameres Geschöpf gewählt werden. Ich schlage vor: Die Schnecke. Für alle Trotzdem-Pferdefreunde: Es kann auch eine Ross-Schnecke sein☺.  Beim Anblick der schleimigen, nackten Kriechgesellen packt mich ein metaphysisches Grausen. Aber ein objektiver und gütigerer Blick auf dieselben offenbart hilfreiche An- und Einsichten. Den Schleim will ich ihnen lassen, denn ohne ihn könnten sie nicht (oder nur mit viel Reibungsverlust) auf der Erde herumgleiten.  Darum sage ich nach dem zweiten Blick freundlicher: Schnecken sind langsam, klein und weich. Und gerade das ist in unserer heutigen Gesellschaft wenig gefragt. Schnelligkeit, Grösse und Härte sind angesagt. Für uns moderne Menschen ist Entschleunigung eine Herausforderung. Für Schnecken ist es gerade umgekehrt. Für sie wäre die Beschleunigung eine Herausforderung. Bereits das blosse Betrachten einer Schnecke ist für mich konkret angewandte Entschleunigung. Die Beobachtung ihres Gangs (oder müsste man sagen Schlipfs? oder Schlupfs?) von meinem Gartenstuhl zu meinem Gartentisch (Distanz 50 cm) absorbiert mich problemlos mehrere Minuten. Und dabei komme ich rascher ins Sinnieren als bei jeder herkömmlichen Klangschalenmeditation. In meiner Wahrnehmung sind Schnecken tiefenentspannt. Sie gleiten langsam und lautlos aber beharrlich und stetig dahin. Sie überstürzen nichts. Zeit ihres Lebens hat die Schnecke Zeit zum Leben (und nota bene auch zum Lieben, denn der Geschlechtsakt zum Beispiel bei Weinbergschnecken kann rund 20 Stunden dauern. Neben Slow Food und Slow Travel kennen sie also auch Slow Sex). Die Schnecke ist somit ein stiller Protest gegen Hektik und Hast und gegen den viel zu schnellen Fortschritt. Und dabei ist die Ruhe der Schnecke nicht etwa Faulheit oder Bequemlichkeit, sondern Ausdruck von Bedacht und Besinnung.  
Zugegeben… Das sind nur meine Gedanken und Assoziationen angesichts einer Schnecke bei ihrem Schlipf oder Schlupf von A nach B. Als menschlicher Seelsorger sehe ich aber nicht in eine Schneckenseele hinein. Und ich weiss daher auch nicht, wie ihr dabei konkret zumute ist.   Eines, jedoch, behaupte ich gerne: Das Ross hat fünf Gänge. Und eine Schnecke mindestens auch. Aber im Gegensatz zu den Gängen des 1-PS-Modells (Schritt, Trab, Galopp, Tölt und Pass), die mich gar zu rasch aus dem Sattel heben, sind diejenigen des klassischen Schneckengetriebes subtiler auf mein anzustrebendes Lebenstempo synchronisiert:  1. Gang (Kriechgang): Gemach, gemach. Langsamer werden.  2. Gang: Besinnen vor Beginnen. Bedächtig bleiben. 3. Gang: Die Fühler ausstrecken. Empfindlich werden.  4. Gang: Dran bleiben, geduldig und beharrlich sein. 5. Gang: Unterwegs sein und doch immer wieder zu Haus. Heimat haben.     
(Gilt auch für Ross-Schnecken ohne Haus – auch die finden ihren Unterschlupf)   

Ich wünsche  …..     Ihnen           ……………  herzlich   …. eine           gemüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüütliche              ……    Zeit.  

DANKE Pfarrer Hans Weber für diese herzerfrischende Schneckenpost!!!

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