Der Körper weiß genau, was er braucht

Ein toller Artikel zum Thema Gesundheit aus: ZeitenSchrift

Arzt und Patient müssen zu einem völlig neuen Verständnis füreinander gelangen und die Einheit mit ihrem eigenen Körper wiederfinden. Nur so ist unser Gesundheitswesen zu retten. Ein praktischer Arzt teilt hier die Erfahrung seines Berufslebens, damit wir uns nicht mehr als hilflose Opfer fühlen, wenn wir das nächste Mal zum Arzt oder in die Klinik gehen.

„Dieser Keil, der zwischen den Arzt und seinen Patienten getrieben wird, ist gefährlich für unser bereits angeschlagenes Gesundheitssystem, aber auch symptomatisch.“ Sven Peter Moritz ist selbst Arzt, wenn auch ein ungewöhnlicher. Moritz träumt von einem Gesundheitswesen, das nicht länger die Krankheit in den Mittelpunkt stellt, sondern die Gesundheit. Aus diesem Grund sagt der Arzt aus tiefster Überzeugung: „Unser Bewußtsein liegt leider oft im Krieg mit unserem Körper.“

Was er damit meint? „Wir sind nicht unser Körper, sondern wir bewohnen ihn bloß. Unser Körper ist ein eigenständiges, intelligentes Wesen, das sehr wohl weiß, wie es sich gesund erhalten muß. Es ist unser Bewußtsein, welches die meisten Krankheiten in einem an sich gesunden Körper auslöst.“

So wünscht sich der Arzt denn auch einen Paradigmenwechsel in der Medizin, fort von einem krankheitszentrierten Modell der Krankheitsentstehung, hin zu einem gesundheitsbezogenen und sich an den Fähigkeiten des Körpers orientierenden Präventionsmodell. Der amerikanisch-israelische Medizinsoziologe und Streßforscher Aaron Antonovsky prägte hierfür einen eigenen Begriff: die Salutogenese, was soviel bedeutet wie die ‚Entstehung des Heils oder Glücks‘.

Die Salutogenese fragt nicht, was uns krank macht, sondern weshalb Menschen trotz widrigster Umstände gesund bleiben. Bin ich bereits krank, soll ich also nicht fragen, welches von außen zugeführte Medikament mich schnellstmöglich wieder gesund macht. Nein, ich muß mich fragen, wie ich meinem Körper dabei helfen kann, seine Selbstheilkräfte wieder zu aktivieren.

„Wir müssen letztlich wieder eine partnerschaftliche Beziehung zu unserem Körper aufbauen“, fordert Sven Peter Moritz, „und den ihm innewohnenden Kräften vertrauen.“

In einer im Oktober 2003 vorgestellte Studie der Universität von Stanford fanden Forscher heraus, daß Schlafen die Krebsheilung fördert. Während eines gesunden Schlafes schüttet der Körper nämlich die Hormone Melatonin und Cortisol aus. Melatonin beseitigt die freien Radikale im Körper, welche sonst krebsfördernde Zellmutationen auslösen könnten. Cortisol hilft bei der Regulation des Immunsystems und steuert jene ‚Killerzellen‘, die gegen Tumore wirken. Ob bei Fieber, Grippe, Kopfweh etc. – Schlaf gilt seit jeher als gutes ‚Hausmittel‘ für alle möglichen Beschwerden. Warum eigentlich?

„Weil der menschliche Geist während des Schlafes vorübergehend den Körper verläßt“, erklärt Sven Peter Moritz. „Dann kann sich der Körper am besten regenerieren.“ Der Arzt lacht: „Für wenige Stunden ist der Körper die Behinderungen los, die unser Bewußtsein ihm dauernd auferlegt.“

Manchmal ist es sogar besser, wenn der Körper nicht einmal durch einen Arzt behindert wird. Die Zeit publizierte im November 1994 eine krasse Statistik: Darin wurden nämlich die Todesraten in verschiedenen europäischen Ländern jener Zeit betrachtet, als dort breitangelegte Ärztestreiks stattfanden. Eigentlich hätte man erwartet, daß während der Streiks signifikant mehr Menschen in den Spitälern gestorben wären – doch es trat genau das Gegenteil ein.

Schon der 1939 verstorbene Zürcher Psychiater und ‚Schizophrenievater‘ Eugen Bleuler schrieb: „Man sollte zu erforschen suchen, ob überhaupt die Anwendung eines Mittels besser ist, als die Natur machen zu lassen.“

Die Natur machen lassen bedeutet, der Regenerationskraft des eigenen Körpers zu vertrauen. Deshalb wenden sich immer mehr Menschen den Naturheilverfahren zu, wo Krankheitssymptome „als aktive Funktionsäußerungen des Organismus gedeutet werden, die gelingend oder mißlingend auf Selbstheilung zielen“ (Zitat des Robert Koch Instituts). „Dieser Trend ist wichtig, aber wir dürfen nicht den gleichen Fehler wie bei der Schulmedizin machen, indem wir die Heilung nun einfach von pflanzlichen Mitteln erwarten“, mahnt Sven Peter Moritz. Der Arzt fordert von seinen Patienten, daß sie mit ihrem Körper eine aktive Partnerschaft eingehen. „Wir sollten mit unserem Körper zusammen bewußt den Weg zur Gesundheit beschreiten. Wir müssen nicht unbedingt etwas für ihn tun – denn der Körper weiß genau, was er braucht -, sondern wir müssen es gemeinsam mit ihm tun“, betont Sven Peter Moritz. „Unser Gesundheitssystem und unsere Gesellschaft schieben sich trennend zwischen diesen Kontakt des Menschen zu seinem Körper; das ist das grundlegende Problem.“

Wer mit seinem Körper in Freundschaft und Partnerschaft lebt, kann diesen bei seiner Selbstheilung aktiv unterstützen. Unser Bewußtsein besitzt nämlich nicht nur die Macht, unseren Körper zu schwächen, sondern auch, ihn zu stärken.

Besonders deutlich wird dies bei den Placebos: Knapp ein Drittel aller Patienten, die an vergleichenden klinischen Studien teilnehmen, sprechen auf Scheinpräparate ohne Wirkstoff an. Über die Wirkmechanismen dieser Placebo-Effekte kann die Medizin bis heute nur spekulieren. Eines aber ist klar: Die Wirksamkeit der Placebos ist abhängig vom Glauben des Patienten und der Hoffnung gebenden Zuwendung des Arztes. Placebos wirken stärker und länger, je häufiger der Patient erfolgreich mit dem Scheinpräparat behandelt wurde. Aber was genau wird denn durch Placebos gestärkt? Allein der Glaube. Und dieser wachsende Glaube gibt dem Körper die Kraft, sich immer besser zu regenerieren. Was uns zur Frage bringt, wer denn nun gesünder ist – der Optimist oder der Pessimist? Amerikanische Forscher haben hierfür die offensichtliche Antwort gefunden: Richard Davidson und sein Team von der Universität von Wisconsin wiesen im letzten Jahr nach, daß optimistische Senioren ein deutlich stärkeres Immunsystem besitzen als ihre griesgrämigen Altersgenossen.

Ob jemand eine halbgefüllte Flasche als halbvoll oder halbleer betrachtet, läßt sich auch im Gehirn nachmessen: Schöne Gedanken und Erinnerungen aktivieren den linken präfontalen Cortex, negative Emotionen stimulieren den rechten präfontalen Cortex. Dabei wird bei vielen Testpersonen auch eine längerfristige Bevorzugung einer der beiden Gemütsstimmungen deutlich: Bei den Pessimisten übertrifft die Reaktion des aktiven, rechten Präfontalcortex auf negative Emotionen jene des linken auf positive deutlich – bei den Optimisten ist dies umgekehrt. Also findet auch hier eine Art klassischer Konditionierung statt.

Die Industriegesellschaft konditioniert uns leider häufig auf Pessimismus. Das spiegelt sich auch in unserem Verhältnis zur Gesundheit wider. Als 14- bis 25jährige Westdeutsche zum Stichwort ‚Gesundheit‘ befragt wurden, waren sechs der elf häufigsten Assoziationen negativ belegt, nämlich: Arzt, Krankheit, Schmerzen, Arznei, Krankenhaus, Medizin. Positive Assoziationen waren: Bewegung, Vitamine, Leben, Ernährung, Sport.

Gleichaltrige junge Menschen auf den Philippinen verbanden mit dem Wort ‚Gesundheit‘ in ihren elf häufigsten Assoziationen hingegen ausnahmslos positive Begriffe: Körper, stark, gesund, Glück, gut, Seele/Geist, Ernährung, Energie, Sauberkeit, Pflege, jung.

Gesundes Selbstvertrauen, so eine medizinische Fachzeitschrift, ist das wohl billigste Lebenselixier.

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